Verfassung der römischen Republik



Die Volksversammlungen (lat. comitia)
Aus: "Die Verfassung der römischen Republik", Jochen Bleicken.

"Zu... den Volksversammlungen... ist zunächst zu bemerken, daß die römischen Volksversammlungen das gesamte Volk darstellten; es gab also keine Repräsentative. Dies ist die Konsequenz des Tatbestandes, daß Rom ein Stadtstaat war, und der antike Staat kannte die Volksversammlung lediglich als Summe aller Bürger.
Mit allen anderen antiken Stadtstaaten hat Rom auch gemein, daß in der Volksversammlung ausschließlich die erwachsenen männlichen Bürger abstimmten...
Die römische Volksversammlung trat an bestimmten Plätzen zusammen, meist auf dem Forum Romanum. Die Centuriatcomitien mußten deswegen, weil sie ursprünglich eine Heeresversammlung gewesen waren, sich außerhalb der Bannmeile Roms, also im Gebiet militiae, versammeln; ihr Versammlungsplatz war das Marsfeld (campus Martius). Die Volksversammlung wurde von den ordentlichen Beamten einberufen, die für die Berufung der verschiedenen Versammlungsarten (s.u.) jeweils zuständig waren (ius cum populo/plebe agendi); so berief der Konsul z.B. die Centuriatcomitien, der Volkstribun die plebejischen Tributcomitien. Der berufende Magistrat leitete auch die Versammlung, insbesondere stellte er die Gesetzesanträge (rogationes), präsentierte bei den Wahlen die Kandidaten und brachte beim Volksgericht die Anklage vor. Nach der Abstimmung verkündete er das Ergebnis.
Die römische Volksversammlung unterschied sich grundsätzlich darin von anderen, insbesondere den griechischen Volksversamlungen, daß sie nicht die ungegliederte Masse aller Bürger, sondern stets die Summe einzelner Abteilungen darstellte, auf die die Bürger nach bestimmten, im Laufe der Jahrhunderte nach und nach entstandenen Prinzipien verteilt waren. Die Gliederungsprinzipien - es sind deren drei - spiegelten die historische Entwicklung vom gentilizisch strukturierten Personenverbandsstaat zu einem stärker territorialstaatlich organisierten Bürgerverband wider. Diese Entwicklung erscheint lediglich auf den ersten Blick eine Demokratisierung gebracht zu haben. Soweit einzlene Einrichtungen mit Demokratisierungstendenzen verbunden werden können, entsprechen sie oft nicht den tatsächlichen, durch die Sozialstruktur ausgewiesenen Verhätbnissen. Es bestand also vielfach eine Spannung zwischen dem Eindruck, den der Anblick der Institutionen vermittelte, und der sozialen Realität.
Das äteste Gliederungsprinzip ist die Curie (curia), das ist eine in einer Verwaltungseinheit zusammengefaßte Summe von Geschlechtern bzw. Familien. Entsprechend den Abhängigkeitsverhätnissen in der Familie bzw. dem Sippenverband (gens) regierten in den Curien die patres familiae als die Familien- bzw. Sippenoberhäupter. Es gab 30 Curien, und die Summe dieser Curien war das römische Volk (populus Romanus) bzw., als Institution, die nach Curien gegliederte Volksversammlung (comitia curiata).
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In den Ständekämpfen ertrotzten sich die Plebejer zwei neue Typen von Volksversammlungen. Die organisatorische Grundlage der äteren von diesen bildete eine militärische Einheit, die Centurie (centuria das ist die Hundertschaft); Die Summe aller Centurien - später waren es 193 - war die nach Centurien gegliederte Volksversammlung (comitia centuriata, die ursprünglich einmal die Heeresversammlung gewesen war. Da das politische Stimmrecht in dieser Versammlung danach abgestuft war, welche Ausrüstung der einzelne zum Militärdienst beisteuerte, gab es verschiedene Stimmklassen. Ursprünglich gab es deren drei, nämlich die Centurien der Reiter (centuriae equitum, die der schwerbewaffneten Fußsoldaten (classis) und alle übrigen Kombattanten, also die Leichtbewaffneten, Musiker usw. (infra classis); später teilte sich die Gruppe infra classem noch in vier Klassen (2. bis 5. classis; die classis der Schwerbewaffneten hieß dann 1. classis) und die Centurien der Musiker, Zimmerleute und derjenigen, die kein Vermögen hatten (proletarii. Der durch die Forderung nach Selbstausrüstung gegebene Zusammenhang von Waffengattung und Vermögen wies die verschiedenen Waffengattungen den einzelnen Vermögensklassen zu; da gleichzeitig derjenige, der sich teuer ausrüstete, auch das bessere politische Stimmrecht besitzen sollte - man sieht: nach dem Vermögen richtete sich die militärische Leistung, nach der militärischen Leistung wieder das Gewicht des politischen Rechts -, war das politische Recht der Centurien, in die die Besitzenden eingeschrieben waren, unverhältnismäßig größer, als das derjenigen, in denen die Minderbemittelten abstimmten..."


Die comitia centuriata (Hundertschaften) nach der "Servianischen Verfassung" (eigene Tabelle)
(Der Überlieferung nach eingeführt vom 6. König Servius Tullius - ursprünglich nach der Stellung im Heer).

Erstellte Tabelle (ohne Gewähr).
Klasse Anzahl Vermögen Ausrüstung
       
1. Klasse
+ 18 Ritter
(6 patrizische u. 12 plebejische)
80
18
mind. 100000 Asse
 
Großer Schild (Rundschild), Panzer, Helm, Beinschienen; Lanze und Schwert
       
2. Klasse
+ 2 Handwerker (fabri)
20
2
bis 75000 Asse Langschild, Helm, Beinschienen; Lanze und Schwert
       
3. Klasse 20 bis 50000 Asse Helm, Langschild; Lanze und Schwert
       
4. Klasse
+ 2 Hornisten u. Trompeter
20
2
bis 25000 Asse Lanze und Wurfspieß
       
5. Klasse 20 bis 10000 Asse
(oder 11000)
Schleudern
       
Übrige Menge 1   Frei vom Heeresdienst
       
Gesamtzahl der Centurien: 193    


Bei der Wahl, von der grundsätzlich niemand ausgeschlossen war, stimmten zunächst die Ritter ab (= 18 Centurien), dann die 1. Klasse (= 80 Centurien), was in der Regel schon die absolute Mehrheit ergab; nur bei Stimmenungleichheit - was selten der Fall war - kam auch die 2. Klasse (= 20 Centurien) zur Abstimmung -- so gut wie nie gelangte eine Abstimmung bis zu den unteren Klassen.


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"... Die Centurien der Ritter und der 1. Klasse hatten ursprünglich bereits die Mehrheit (98 von 193); später, nach der Reform der Centuriatscomitien in der zweiten Häfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. fehlten ihnen nur fünf Centurien an der Mehrheit. Ferner wurde deswegen, weil die Zahl der Centurien der einzelnen Vermögensklassen auch bei wachsender Bürgerzahl konstant blieb der Unterschied zwischen der Zahl der in den Centurien der Ritter und der 1. Klasse einerseits und der in den Centurien der weniger Besitzenden abstimmenden Bürger andererseits in dem Maße größer, wie die wirtschaftliche Differenzierung voranschritt und die Masse der verarmten Bürger zunahm: In einer Centurie der Ritter stimmten 100, in einer der 1. Klasse vielleicht 200, in einer der 3. Klasse aber viele Hundert, in der Centurie der Nichtbesitzenden sogar viele Tausende; nach Cicero gehörten zu der zuletzt genannten Centurie zu seiner Zeit beinahe ebenso viele Personen wie in der gesamten 1. Klasse (70 Centurien). Das Prinzip der Abstufung des politischen Rechts nach dem Vermögen (timokratisches Prinzip) bzw. nach der militärischen Leistung, die der einzelne auf sich nahm, war in der Zeit, als diese timokratisch organisierte Volksversammlung aufkam, also in den Ständekämpfen, sehr modern, denn sie löste die gentizilistisch organisierte Volksversammlung, in der der einzelne Glied seiner Familie und das heißt natürlich nach dem Willen des pater familias abstimmte, durch eine Versammlung ab, in der eine rational berechenbare Größe, nämlich die militärische Ausrüstung bzw. das Vermögen, das einer besaß, der Maßstab für den Anteil des politischen Willens war. Der Wille des einzelnen war dadurch freier geworden, und vor allem war der einzelne nicht mehr nur mittelbar durch seine Familien (seinen pater familias), sonder als Individuum nun unmittelbar Glied des Staates: Der Staat war nicht mehr die Summe der Familien, sondern die Summe der erwachsenen, männlichen Bürger.
Das dritte Gliederungsprinzip der Volksversammlungen ist der lokale Bezirk (tribus). Man teilte die Bezirke in städtische, also der Stadt Rom zugehörige (tribus urbanae), und in ländliche Bezirke ein (tribus rusticae). Dei Zahl der Tribus wuchs von anfänglich nur wenigen in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. auf 35 Tribus; danach ist dann die Zahl der Tribus nicht mehr erhöht worden; wurde neues Gebiet zum römischenTerritorium hinzugeschlagen, teilte man es den bereits bestehenden Tribus zu. Die Bewohner der Stadt Rom waren in nur vier der 35 Tribus eingeschrieben, die übrigen Tribus waren tribus rusticae. Bei den Tribus wurden übrigens auch die Bürgerlisten geführt. Die nach T r i b u s gegeliederte Volksversammlung (comitia tributa) wurde von den Plebejern in den Ständekämpfen geschaffen. Sie war ursprünglich die Versammlung der Plebejer gewesen, die sich gerade in Abwehr des gentizilistischen Prinzips nach lokalen Bezirken organisiert hatten (consilium plebis) Insofern diese plebejische Versammlung gleichsam das Volk in Aufruhr, einen "Staat im Staate", wie man auch gesagt hat, darstellte, war sie zunächst keine Institution der staatlichen Ordnung, sondern bedeutete gerade den Widerspruch gegen sie. Nach der Erfüllung der plebejischen Forderungen und dem Abklingen des Ständekampfes wurde diese Versammlung jedoch als ordentliche Versammlung, deren Beschlüsse das ganze Volk banden, konstituiert (durch die lex Hortensia vom Jahre 287 v. Chr.). Die Leiter dieser Versammlung blieben weiterhin die Volkstribune; nur sie durften die Versammlung berufen und vorsitzen. Das lokale Gliederungsprinzip der Volksversammlung war das demokratischste Gliederungsprinzip und ist als solches den Massen jedenfalls während der Ständekämpfe ohne Zweifel als ein besonders begrüßenswertes Prinzip erschienen. Da es sich auch in der Abstimmungspraxis praktikabler als die anderen erwies, schuf man dann noch zusätzlich eine nach Tribus organisierte Volksversammlung, in der auch Patrizier abstimmen und die ordentlichen (ehemals patrizischen) Beamten, wie Konsuln, Prätoren und Ädile, den Vorsitz führen konnten (patrizisch-plebejische Tributcomitien). Durch die geringe Anzahl von Abstimmungskörpern waren die Tributcomitien in der Tat eine handlichere Institution als die schwerfälligen, aus 193 Stimmkörpern bestehenden Centuriatscomitien, und folglich bediente man sich ihrer, wenn es irgend möglich war, eher als der Centurienversammlung. Trotzdem verloren die Centurien nicht an Bedeutung, vor allem weil sie als die ehemalige Heeresversammlung die Wahl der höchsten, mit dem Imperium ausgestatteten Magistrate (Konsuln, Prätoren) behielten. Als das römische Gebiet größer wurde und die wenigen Bewohner weiter entfernt wohnender Bezirke nur noch vereinzelt zu den Abstimmungen kommen konnten, versuchte man, die Centuriatcomitien, in denen das stadtrömische Volk später überwog, so zu reformieren, daß diejenigen Bürger, die aus den entfernteren Gebieten zu den Abstimmungen nach Rom gekommen waren, von den Stadtrömern nicht völlig überstimmt werden konnten. Das wurde durch die Verknüpfung des timokratischen Prinzips der Centurien mit dem lokalen Prinzip der Tribus erreicht (zwischen 241 und 219 v. Chr.). Die Reform wies nunmehr jedem Bürger zugleich eine Centurie und eine Tribus zu, so daß die Stimme der Landbewohner auch dann, wenn sie nur vereinzelt nach Rom gekommen waren, deswegen stärker wog, weil es für den Abstimmungskörper ja einerlei war, ob in ihm viele oder nur wenige abstimmten. Allerdings machte die durch die Reform komplizierter gewordene Centurienversammlung diese noch schwerfälliger, als sie es an sich schon war.
Bei den Abstimmungen in den Volksversammlungen stimmten die einzelnen Abteilungen (Curien, Centurien, Tribus) in sich nach dem Mehrheitsprinzip; jede Abteilung hatte eine Stimme, und die Mehrheit der Abteilungen entschied über den Antrag. Die Abstimmung war ursprünglich offen. In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts, zum Teil noch vor den gracchischen Unruhen, teils auch bald danach, wurde die geheime Abstimmung (mittels Stimmtafel, tabella; danach heißen die Gesetze, die die geheime Abstimmung vorschrieben, leges tabellariae), eingeführt. Es war ihr Ziel, die Abstimmenden von dem Einfluß der Nobilität abzuschirmen. Insofern der Einfluß der Nobiles auf die Bürger/Clienten eine Grundnorm der staatlichen Ordnung war, rüttelten diese Gesetze an deren Fundamenten...
...Die römische Volksversammlung konnte aus sich heraus k e i n e   I n i t i a t i v e entwickeln. Es gab also kein Antragsrecht eines Bürgers aus der Volksversammlung heraus; die Volksversammlung vermochte nicht einmal, einen ihr vorgelegten Antrag zu reformieren: Sie konnte zu den Vorschlägen nur "ja" oder "nein" sagen bzw. - bei den Volksgerichten - verurteilen oder freisprechen oder - bei den Wahlen - unter den präsentierten Kandidaten aussuchen (nicht etwa Kandidaten benennen, die nicht präsentiert waren)...
...Die römischen Volksversammlungen waren z u s t ä n d i g für die W a h l d e r B e a m t e n, für die A b u r t e i l u n g der schweren p o l i t i s c h e n D e l i k t e und für die G e s e t z g e b u n g. Die ersten beiden Zuständigkeiten hatte das Volk sich auf dem Höhepunkt des Ständekampfes erstritten, die (normative) Gesetzgebung trat gegen Ende des Ständekampfes hinzu. Für die Wahl der Beamten ist bis zum Ende der Republik das Volk ausschließlich zuständig geblieben. Die politischen Verbrechen hat es nicht in derselben Ausschließlichkeit abgeurteilt: das war - bei zunehmendem Umfang des Bürgerverbandes - auch schon von der Zahl der Prozesse her gesehen ganz unmöglich. Seit dem Jahr 149 v. Chr. schuf man für die Aburteilung von politischen und kriminellen Delikten allmählich eine Reihe von ständigen Gerichtshöfen (quaestiones perpetuae), die das Volksgericht im Laufe der Zeit ersetzten und schließlich die für die Verfolgung von Verbrechen allgemein zuständige Strafbehörde wurden."


DAS Standardwerk zur Verfassung der römischen Republik


 

"Die Verfassung der römischen Republik"
Jochen Bleicken
UTB 7.Auflage 2000
Die römische Republik umfasst den Zeitraum von etwa 500 v. Chr. bis zur Alleinherrschaft Cäsars im Jahre 49 v. Chr.
Für diesen Zeitraum stellt der große Althistoriker Jochen Bleicken in einer systematischen Übersicht die Grundlagen und die Entwicklung der staatlichen Ordnung in ihren sozialen, politischen und rechtlichen Erscheinungsformen dar.
Ein Standardwerk zur Römischen Republik.
 


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